Geschichte 08: Dagmar und ihre große Liebe

2009 lernte Dagmar (62) auf einer Radreise von Norwegen nach Schottland ihre große Liebe kennen. Der unbekannte britische Radfahrer kreuzte ihren Weg in der Jugendherberge Tongue. Ein paar Kilometer weiter entlang der selben Route begann dann ihre Liebesgeschichte.

So hat sie uns ihre Geschichte erzählt:

„September 2009: Nach 3000 Kilometern auf dem Rad in Norwegen und etlichen hundert weiteren Kilometern in Schottland näherte ich mich in grandioser Hochstimmung der Landschaft meines Herzens: dem nordwestlichsten Zipfel Schottlands. Normalerweise suchte ich bei gutem Wetter Campingplätze auf oder zeltete wild. Aber die Jugendherberge in Tongue lachte mich derartig freundlich an, dass ich kurzentschlossen absprang und ein Bett im Schlafsaal buchte.

Ich stellte mein Fahrrad raumgreifend in den leeren Schuppen, bezog Quartier, duschte, entspannte, kochte und unterhielt mich. Schön war's! Auch schlafen konnte ich so gut, dass ich bereits früh um 6 Uhr munter und mit meiner Bettnachbarin am Frühstückstisch war. Sie erzählte von ihrem Leben in Schottland, ich von meiner langen Reise. Dass da noch ein Mann in der Ecke saß, nahm ich gar nicht wahr. Er hörte fasziniert zu und fasste den Plan, mich kennenzulernen.

Aber er ließ sich Zeit - und ratzfatz war ich weg. Verwundert bemerkte ich noch ein zweites Rad im Schuppen, das meines mit dem Vorderreifen beinahe berührte. Wieso hatte ich den anderen Radler denn gar nicht getroffen? (Es war natürlich der Mann in der Ecke.) Na ja, egal. Er würde mich sicherlich einholen, wenn er in der gleichen Richtung unterwegs war, bei dem Tempo, mit dem ich - verzaubert - mich fortbewegte. Wenn nicht, auch gut. -

Ja, er war in der gleichen Richtung unterwegs, und ja, er holte mich ein, fand aber nur mein Rad, denn ich vergnügte mich außer Sichtweite am Strand. Die ersten Worte wechselten wir einen Tag später an Cape Wrath. Doch weh: ich konnte ihn nicht verstehen! Ein Ostlondoner mit zusätzlich australischem Akzent! Nachdem ich bei jedem Satz nachfragen musste und dies fünf Mal erlebte, ergriff ich die Flucht.

Die entscheidende Unterhaltung fand dann auf dem Zeltplatz in Scourie statt, am letzten freundlichen Abend des Monats, entspannt am Wasser, mit Käse und Wein. Und so fasziniert, wie er von meiner Reise war, war ich von seinem ganzen Leben mit allem Drum und Dran. Den ersten Kuss gab's weitere zwei Tage später vor der Jugendherberge in Ullapool, zu der wir uns gemeinsam durch Regen, Sturm und einbrechende Dunkelheit gekämpft hatten.

Das zehnjährige Jubiläum konnten wir gerade feiern, eine Zeit voller gegenseitiger Besuche in London und dem Harz sowie etlichen gemeinsamen Trips. Und doch geht diese reiche Zeit nun zu Ende: in Australien warten Tochter, Söhne, Enkelkinder.“