Von München um die Welt nach Bad Lausick

Teetrinken mit dem Weltenbummler

Walter Tiroke ist ein Gentleman der alten Schule, dem man seine 65 Jahre, seine Fitness und seinen Humor auf den ersten Blick nicht ansieht. Eine unscheinbare Person, die aber viel erlebt und den Jugendherbergen viel zu verdanken hat. Mit ihm kommt man leicht ins Gespräch, denn er ist, wie er über sich zu sagen pflegt, "nicht neugierig, aber an allem interessiert". 

Wir haben ihn in der Jugendherberge Bad Lausick besucht.

Walter Tiroke und Silvia Steinbach, Herbergsleiterin der Jugendherberge Bad Lausick

Was macht Walter Tiroke in unseren sächsischen Jugendherbergen?

Der Münchner reist seit nunmehr 46 Jahren immer mal wieder um die Welt und übernachtet dabei bevorzugt in Jugendherbergen. Seine Passion hierfür begann am 15. August 1973 auf einer Reise mit einem Freund ins italienische Lecco am Comer See. "Das Geld war knapp, da blieben nur zwei Möglichkeiten: im Freien oder in der Jugendherberge zu übernachten." Seitdem hat er mehr als 2.300 Mal in Jugendherbergen weltweit genächtigt. "Damals, als es an Geld und Zeit mangelte, habe ich mir meine Urlaubstage noch akribisch ausgerechnet, damit ich die Zeit sinnvoll nutze und was aus meinem Leben mache."

Zu den Jugendherbergen in Sachsen hat er auch eine ganz besondere Beziehung

Einmal fragte ihn jemand, ob er sich denn in Sachsen wohlfühle. "Nein", antwortete er mit ernstem Gesichtsausdruck, um dann fortzufahren: "Ich fühle mich hier sogar besonders wohl!" Warum ist das so? Vor allem die Herzlichkeit der Menschen gefällt ihm. So hat er auf seiner Reise nach Bad Lausick schon "Einheimische" getroffen. Darunter ein Mann, wie er ein gebürtiger Bayer, der der Liebe wegen nach Sachsen gezogen ist. Dieser gewährte ihm in Bad Lausick bei einem Graupelschauer in seinem Blockhaus Unterschlupf und ein warmes Getränk. "Es gibt nichts Schöneres, als nach einem Reisetag mit dem Rad, wenn einem der Wind den Regen unter das Regencape geweht und ins Gesicht gepeitscht hat, ein wärmendes Getränk zu sich zu nehmen."
Walter Tiroke ist ein angenehmer, offener und vor allem humorvoller Zeitgenosse, der stets mit dem Rad und dem Zug reist. "Ich habe die nächsten Monate noch viele Stationen in Sachsen, die ich mir anschauen möchte. Vor allem Schloss Colditz, vielleicht wird das ja meine neue Lieblingsjugendherberge. Schade, dass es viele Jugendherbergen gar nicht mehr gibt. Einige hätten mich noch interessiert, aber die sind ja leider geschlossen worden." Er hat Recht. Viele Jugendherbergen des Landesverbandes Sachsen wurden in den letzten Jahren aus betriebswirtschaftlichen oder bautechnischen Gründen geschlossen oder verkauft und schließlich privat weitergeführt.

Jugendherberge Bad Lausick und

Jugendherberge Schloss Colditz

Welche ist Walter Tirokes Lieblingsjugendherberge in Sachsen? 

"Da fällt mir sofort eine ein. In Dresden, die Jugendherberge "Rudi Arndt". So ein kleines, gemütliches Haus, man merkt sofort, dass dort mit viel Herzblut gearbeitet wird." Das ist ihm sehr wichtig. Nicht immer ist er als Alleinreisender in Jugendherbergen willkommen gewesen. "Es gab früher zur Wendezeit Probleme, in eine ostdeutsche Jugendherberge zu kommen. Gelegentlich wurde man störrisch abgewiesen. Aber da war ich dann stur und habe ausgeharrt, bis die mich reingelassen haben." Nach Sachsen sei er erst nach der Wiedervereinigung gekommen. "Ein Studienfreund war nicht geneigt, mit nach Sachsen zu reisen. Ich fragte ihn: 'Warum?', er sagte, dass im Osten alles alt und öde sei. Diese Meinung vertrete ich nicht." Nach einer kurzen Pause fügt er lachend hinzu: „Gerade weil man sagt, dass in Sachsen die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen!"

Was ist an den Jugendherbergen so besonderes?

Am interessantesten findet Walter Tiroke Jugendherbergen, die noch über alte Gemäuer und einen warmen Charakter verfügen. "Das ist doch ziemlich heimelig", merkt er an, die Gemütlichkeit der kleinen Häuser hat es ihm über die Jahre angetan. "Die neuen, modernen Häuser sind auch attraktiv, aber schon mehr wie Hotels." Das findet er zwar schade, aber er versteht auch, dass der Zahn der Zeit und die Wirtschaftlichkeit eine Rolle spielen.  Seine Reisen verbindet der Frühpensionär gelegentlich mit Kuraufenthalten und klinkt sich dann am Wochenende aus dem Kurbetrieb aus. "Ich bin gerne in der Natur unterwegs. Zu Hause habe ich ein altes Haus, einen großen, wunderschönen Garten und einen Wald, den ich selber pflege. Dadurch habe ich eine ganz besondere Bindung zur Natur und kann viel über sie lernen." Abschalten kann der Alleinreisende sehr gut beim Radfahren. "Ich denke dann über alles nach und bin wie in einer anderen Welt", erzählt er. Insgesamt schätzt er seine gefahrenen Rad-Kilometer auf 320.000 bis 330.000. "Ich habe erst angefangen alles zu notieren, als ich schon 20 Jahre gefahren bin. Dokumentiert habe ich 280.000 km."

Sein Geheimtipp für Rad-Reisende:

"Nehmen Sie ein Rad, das schon sehr stark benutzt aussieht. Sie werden sehen, es wird nie geklaut."


 

 

Seine Lebensgefährtin bleibt bei seinen Reisen meist zu Hause. "Da hat sie sich eben einen Liebhabbär gesucht, da ich ja nicht so oft da bin." Er zeigt ein Foto seiner bildhübschen Lebensgefährtin, die mit einem Teddybär auf dem Sofa sitzt. "Meistens sind die Leute geschockt, wenn ich diese Geschichte erzähle", grinst er schelmisch. So ist sein Humor.


"Petrus hat noch keine Jugendherberge"

Man kann sich kaum vorstellen, welche Lebensgeschichte Walter Tiroke zu erzählen hat. So hat er schon nach einem schweren Unfall bei Petrus an die Himmelspforte geklopft. "Da hat Petrus sein Tor aufgemacht, mich angeschaut und gesagt: 'Wir haben hier aber noch keine Jugendherberge', und schickte mich zurück auf die Erde." Er glaubt nicht an Zufälle. Alles im Leben hat seine Bestimmung. Die Jugendherbergen und die Begegnung mit vielen verschiedenen Menschen seien für ihn die Essenz des Reisens: der Gemeinschaftssinn und das Zusammenkommen, die Hilfsbereitschaft sowie das gemeinsame Abendessen, bei dem nicht wie im Hotel jeder alleine am Tisch sitzt, sondern man sich einfach zu anderen Menschen gesellen kann. So hat er auch in Sachsen auf den Reisen von Jugendherberge zu Jugendherberge viele positive Erfahrungen machen können.

"Einmal hatte ich bei Regenwetter eine Reifenpanne. Ich befand mich gerade im schönen Vogtland und konnte nicht weiterfahren. Da kam ein Bauer und nahm mich mit zu sich auf den Hof. Ich fragte: 'Darf ich mein Rad bei dir reparieren?' – 'Nein', antwortete der Bauer, 'das mache ich!', und nahm das Rad mit in die Scheune und hat es repariert. Sowas erlebt man nicht alle Tage! Das war schon toll! So hatte ich es noch nicht erlebt."

Reisen schreiben die besten Geschichten

Die sächsischen Jugendherbergen feiern dieses Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Passend dazu hat Walter Tiroke viele tolle Geschichten parat. Man könnte etliche Bücher damit füllen und es würden immer noch weitere dazukommen. Viele Länder und Menschen, gefährliche wie auch emotionale Situationen und Momente veränderten die eigene Sicht auf das Leben. "Mit Freundlichkeit und vor allem Freundschaftlichkeit kommt man im Leben fast immer weiter." So wurde aus einer bedrohlichen Situation in Ägypten, bei der eine Gruppe junger Männer es auf seinen Rucksack abgesehen hatte, durch freundschaftliche Gestik und international bekannte Namen wie "Beckenbauer" und "Rummenigge" am Ende ein kleines Teekränzchen im heimischen Gemäuer. 
 

Früher, als junger Mensch, war Walter Tiroke alles andere als weltoffen und reisefreudig. Doch heute hat er auf fast magische Weise eine Anziehungskraft auf Menschen, die eine ähnliche Geschichte oder ein schwieriges Leben haben. "Man merkt irgendwann, wer etwas auf dem Herzen hat. So kommt man auch leicht ins Gespräch und es tut den Menschen einfach gut, gehört zu werden. Das ist natürlich ganz im Sinne der Jugendherbergen." So sind auch tiefe Freundschaften entstanden.

Echt praktisch, so eine Jugendherberge!

Heutzutage findet er es amüsant, dass manchmal, wenn er eine Jugendherberge bucht, gefragt wird, ob er überhaupt einen Mitgliedsausweis habe. "Sonst käme ich wohl nicht auf die über 2.000 Übernachtungen", sagt er und lacht. Oft hört er von anderen Urlaubern oder aus dem Bekanntenkreis Vorurteile und Klischees über Jugendherbergen. "Viele denken, da nächtigen nur arme Leute, die sich nichts anderes leisten können, und dass in Mehrbettzimmern Stockbetten stehen und es nur Gemeinschaftsduschen gibt", schmunzelt er und fügt hinzu: "Aber eine Gemeinschaftsdusche ist gar nicht so schlecht. Einmal war es sogar recht praktisch. Da kam ich in die Jugendherberge und es war noch keine Herbergsleitung da, da ging ich schon mal duschen, ohne eingecheckt zu haben." Manche Dinge in einer Jugendherberge sollten sich vielleicht doch nie ändern. Die Verpflegung ist in Jugendherbergen aber vielseitiger geworden. Bei jeder Übernachtung ist ein reichliches Frühstück inklusive, bei Halbpension können sich Urlauber am abwechslungsreichen kalten und warmen Buffet satt essen. Frisches Obst ist auch selbstverständlich. Und dann ergänzt der Weltenbummler: "Leider glauben auch viele noch, dass es nur Gruppen und Jugendlichen möglich ist, in Jugendherbergen zu gehen." Dies hört er immer wieder von Reisenden und Bekannten. "Dass auch Familien und Alleinreisende willkommen sind, wissen manche nicht so recht. Dabei ist man hier nie alleine."

Welche Veränderungen ergaben sich im DJH aus Sicht eines langjährigen Mitgliedes?

Als erfahrenes Langzeitmitglied hat Walter Tiroke schon einige Phasen im DJH mitgemacht. "Früher hatte man ein Recht auf Aufnahme, die Herbergen waren nicht so sehr an Auflagen gebunden und man konnte einfach irgendwo, zum Beispiel im Billardraum, auf einer Matratze schlafen. Diese Improvisation, wenn man überraschend kommt, ist heutzutage kaum noch möglich." Imponiert hat ihm aber die Spontanität des Personals einer Herberge. "Da gab es eben mal schnell etwas Warmes zu essen in der Herbergseltern-Stube." Heute haben Reisende die Auswahl an vielfältigen kalten und warmen Buffets. Auf improvisierten Schlafmöglichkeiten muss heute auch niemand mehr nächtigen.

Am Ende zählt beim Reisen das, was einen im Leben weiterbringt. Für Walter Tiroke war es ein guter Pfad, den er damals einschlug, als er in Lecco in seiner ersten Jugendherberge übernachtete. Bis heute tourt er durch die Welt und ist noch längst nicht am Ende. "Ich reise nicht, um alle Herbergen abzuklappern, sondern um Menschen und Länder kennenzulernen. In manche Jugendherbergen fahre ich auch gern mehrmals."

 

Walter Tirokes Wunsch zum Jubiläum an die sächsischen Jugendherbergen?

Walter Tiroke und Julia Nadler vom Marketing-Team

"Schön wäre es, wenn kleine, gemütliche Häuser auch in Zukunft erhalten blieben." Mit ihrer Gemütlichkeit und Herzlichkeit haben besonders die kleinen Häuser für ihn einen besonderen Charme.
Wer weiß, vielleicht trefft ihr ja auf euren zukünftigen Reisen durch Sachsen einmal auf Walter Tiroke. 

Unser Tipp: Schnappt euch einen Tee und lasst euch von ihm inspirieren! 

Ich als "Marketingtante", die sonst den ganzen Tag im Büro sitzt, danke ihm auf jeden Fall für den schönen Nachmittag bei Tee und Kaffee.