Großvater erzählt von seinem Einsatz
für die Jugend(-herbergen)

 

von Elena Ziller

Ich nehme euch gern mit auf eine Reise in das vergangene Jahrhundert, in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, so 1919 bis 1930. 
Es ist  ein Sonntagmorgen in Chemnitz.  „Rußchamtz“ wurde  die Stadt damals auch genannt.  Es gibt noch alte Postkarten, da sieht man die Silhouette der Stadt mit x Schornsteinen. Ja, eine tolle Industriestadt, leider  konnte man  sich nicht die ganze Zeit die Nase zuhalten gegen die schlechte Luft.
Der Sonntag war damals der einzige freie Tag in der Woche  (wöchentliche Arbeitszeit waren 48 Stunden und Urlaub gab es  im Schnitt 8 bis 12 Tage im Jahr). Und was machte man am Sonntag? Ein bisschen ausschlafen, den Kirchgang absolvieren,  Essen kochen, Wäsche in Ordnung bringen, der Sonntagsspaziergang nachmittags, Kneipengang für die Väter zur Betäubung und zur Geselligkeit. 
    

Die Wandervögel

Na gut, jetzt ist es noch früh am Morgen, so gegen 8.00 Uhr. Und da hören die Leute etwas ziemlich merkwürdiges. Eine Gruppe junger Leute zieht da unter den Fenstern vorbei, mit Klampfen (Gitarren), Mandolinen, sogar Geigen. 
Sie wollen raus aus der Stadt, sie lachen. Also nein, gehört sich das? 
Mein Großvater erzählte später seinen Töchtern, dass mancher ihnen einen Vogel zeigte -  und genau das machte sie noch fröhlicher. 

 

Schillerkragen statt Vatermörder 
Habt ihr ein Gefühl, wie die Zeit damals war? Nach dem Scheißkrieg (dem „1.Weltkrieg“)? Viele Väter verwundet oder tot, Armut, politisches Durcheinander. Die Versuche, nach dem Kaiserreich eine Demokratie  zu schaffen, gelingen nur halb.  Es war vieles noch so streng, borniert, befehlsgewaltig, auch in vielen Familien. Und in dieser Zeit jung sein.  

So ein Zeichen dafür war der offen getragene  „Schillerkragen“, den auch mein Großvater trug,  statt sich den Hals abzuschnüren mit dem „Vatermörder“.
In Gedanken sehe ich sie dort laufen:  Rucksack, Wasserflasche, Alubecher, Bemmen, Taschenlampe, und mit Sandalen und kurzen Hosen. Die Lieder kannten sie auswendig. Und dann sind sie wirklich fast den ganzen Sonntag gewandert, und da kommt man weit. Was schätzt ihr, wie weit so von Chemnitz aus?  Ein nicht so fernes Ziel war die Sternmühle bei Kleinolbersdorf. Für Übernachtungen liefen Quartiermacher vorneweg und fragten die Bauern, ob sie deren Scheune nutzen konnten. Manchmal musste auch eine aufgespannte Plane als Zelt reichen.
 

Der Einsatz für die Kinder

Und Mädels waren auch dabei! Freundschaften, ehrliche Liebe, Luft zum Atmen. 
In ganz Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern  machten sich junge Leute auf, suchten Unterkünfte, die sie bei ihren Wanderungen nutzen konnten. 
Mein Großvater Kurt Schreiber hat sich mit gekümmert, dass die Jungendherberge im Mortelgrund bei Sayda entstand, dass Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz dafür umgewidmet werden konnte.

Und in Lohme auf Rügen  entstand auf sein Wirken hin ein Kindererholungsheim. Dort wurden  die mageren sächsischen Stadtkinder aufgepäppelt. In der Zeit von Lohme  war er übrigens wie so viele in den 20ern arbeitslos. Auch beim Einrichten des Kindererholungsheims  Vierenstraße am Fichtelberg 1926 machte er mit.
Kümmern hieß  damals (wie heute)  zu Ämtern gehen, Mund aufmachen, bitten, fordern, Förderer gewinnen, selber anpacken, als Helfer arbeiten. Was für eine Energie er hatte. 

Die Krux

Ein Pionier der Jugendherbergsbewegung in Deutschland war Anfang der 1900er Richard Schirrmann. Wenn man seine Biografie liest, kann man sich vorstellen, wie zwiespältig eine Sache (Wandern, Lieder, Jugendherbergen) gesehen und genutzt werden konnte:   für Freude, Gesundheit, ein gutes Miteinander – oder  um Körper und Geist  für den nächsten Krieg fit zu machen, begeisterte Unterordnung unter einen Führer nebenbei zu lernen.  In den 30ern wurden die Jugendherbergen  von den Nazis genutzt, um ihre menschenverachtende Ideologie unters Volk zu bringen. Welch eine Manipulationsmacht. 

Kurt, mein Großvater  (Jahrgang 1901)

Er hatte in seiner Jugend  Werkzeugdreher bei der Firma Zimmermann in Chemnitz gelernt. 
Mein Großvater war Sozialdemokrat und er war körperbehindert (Hüftgelenksluxation), ein stolzer Mann, vielleicht sogar eigensinnig, auch akribisch und mit einer großen Sehnsucht nach der freien Natur. 
Seine  Frau „Lehnchen“  (meine Oma) lernte er bei den Wandervögeln kennen. Die Liebe zum Singen hat sie  zum Glück weiter „vererbt“. Die beiden sparten sich die Steine für ein kleines Haus vom Munde ab, bekamen 1934 ihre erste Tochter. Dann kam die Nazizeit. Wie lebt man da als humanistisch orientierter Mensch? Mit dann 3 Kindern? Na das ist eine weitere Geschichte…

Was bleibt…

Noch ein letztes Wort zu diesen Jugendherbergen  und Erholungsheimen nach dem 2. Weltkrieg:  Chemnitzer Kinder konnten sich dort mal richtig satt essen, auch dafür hat sich mein Großvater sehr engagiert. Denn besonders die Stadtbevölkerung litt Not am Ende des Krieges und nach 1945 (von den gekochten Kohlrübenschnitzeln hat mir meine Mutter manchmal erzählt). 
Zu DDR-Zeiten existierten die Jugendherbergen  weiter als einfache, extrem preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten zum Beispiel  für die Wandertage der Schulklassen, für die Semesterferien der Studenten…
Ja und heute….sind es schon noble „Hütten“ geworden. 
Dann fröhliches Wandern und Übernachten! Ihr müsst ja nicht singen, aber ihr könntet ….