Jugendherbergsgeschichten

 

von Sigrid Recke

Mein Mann und ich, zusammen fast 160 Jahre jung, sind alte Jugend-herbergs-Liebhaber. Bei einer spontanen, telefonischen Anmeldung in der DJH in Biberach am Bodensee (2005) auf die Frage nach einem Herbergs- ausweis ließ mein Mann verlauten: „Oh, ich bin Mitglied seit  50 Jahren.“ Eingetroffen an der Anmeldung bat man uns doch einen Moment zu warten, denn der Herbergsvater wolle gerne einmal ein 50-jähriges Mitglied sehen. Und so geschah es – mit herzlichem Händeschütteln. 

Pech hatten wir in der JH in Gent (2011), die kein Zimmer für uns Betagte frei hatte. Eine junge Frau sprach uns daraufhin an. Sie würde gerne ein Interview mit uns machen und zwar für den Zweck ihrer Prüfung als Journalistin zu dem Thema „Jugendherbergen“. Sollte ihre Arbeit zu den drei Besten ihres Semesters gehören, würde diese im belgischen Brüsseler Abendblatt „Le Soir“ gedruckt werden. Und auch das geschah. Ein halbes Jahr später erhielten wir Post mit dem Artikel „Pas de retraite pour les vieilles  bottines“. (Kein Ruhestand für alte Stiefel), einschließlich eines Fotos von  uns.

Wieder müde geworden auf einer langen Autofahrt aus dem hohen Norden, entschlossen wir uns zu einem Halt in der DJH von Linsengericht. Schon im Eingangsbereich stolperten wir über hunderte von Kinderschuhen. Bei diesem Anblick sank die Aussicht über verfügbaren Platz. Tatsächlich übernachteten zwei Vorschulklassen dort. Doch unser Glück war, dass die Betreuer es vorzogen mit den Kindern in deren Schlaf-sälen zu nächtigen. Somit blieben die komfortableren Zimmer der Begleitpersonen frei für uns. 
Am nächsten Morgen nun Frühstück inmitten der fröhlich schnatternden Kinderschar. Mir gegenüber saß Justus, ein 5-jähriger. Er trank noch reichlich  müde und verschlafen seine Schokolade und musterte mich aufmerksam mit seiner Messing umrandeten Brille über dem Rand seines Bechers. Und  schließlich fragte er mit tiefer etwas stockender Stimme: „Bist du schon Hundert ?“