Geboren in der Jugendherberge

 

Was heutzutage nicht mehr üblich ist, war in den Anfängen der Jugendherberge auch etwas Besonderes. Wer kann schon von sich behaupten, in einer Jugendherberge geboren zu sein?
Eckhardt Zeidler kann das von sich behaupten. Geboren am 29.05.1940 in der ehemaligen Jugendherberge Leipzig, erzählte er uns seine Erinnerungen an das Leben in der Jugendherberge. Zusammen mit seinen Eltern, Dora und Fritz Zeidler, sowie seinen Geschwistern wohnte er damals seine ersten fünf Lebensjahre in der ehemaligen Jugendherberge Leipzig am  Zöllner Weg.

Heute noch begeisterter Jugendherbergs-Gast

 

„Die heutige Jugendherberge Goslar kommt dem Gebäude meines Geburtshauses noch sehr nahe“, vergleicht er. Der 79-jährige Pensionär aus Leipzig ist selbst heute noch begeisterter Jugendherbergs-Gast.
Sein Vater Fritz Zeidler übernahm schon vor 1934 die Jugendherberge, damals noch in der Töpfergasse, und führte diese zusammen mit seiner Frau Dora bis 1945. Als Zeitzeuge berichtete er auch von der düsteren Seite dieser Zeit. Heute gibt es das Gebäude noch, aber  es wurde für Luxuswohnungen umgebaut. Eindrücke, wie Familie Zeidler gelebt hat, gibt er so wider: „Wir hatten eine große Wohnung, abgetrennt von den Jugendherbergs-Räumen natürlich, mit eigener Küche, Bad und Toilette.“  Auch die großen Bombennächte in Leipzig, in der große Teile Leipzigs zerstört wurden, erlebte Familie Zeidler in der Jugendherberge. Eine besonders tiefe Freundschaft verband Eckhard Zeidler Zeit seines Lebens mit einer damaligen Jugendherbergsmitarbeiterin  (1. von links auf dem kleinen Foto). Der Kontakt blieb stets erhalten, auch nach dem Ende der Jugendherberge. „Sie und Ihre Tochter waren wie ein Teil der Familie“, blickt er zurück, „für meine Kinder war sie später dann wie eine dritte Großmutter. Auch jetzt noch kümmern wir uns um ihre Tochter“
 

Innenansichten der Jugendherberge Leipzig am Zöllner Weg

Die Jugendherberge am Zöllner Weg war nicht nur für Wanderer und Kinder geeignet. In den Kriegsjahren bot die Jugendherberge immer wieder Verwundeten, Rückwanderern oder Müttern mit Kindern eine Aufenthaltsstätte. Eine Schulklasse aus Bautzen verewigte sich mit einem Vers im Gästebuch: „Wir spenden gern auch dieses Jahr, ein Lob, weil alles trefflich war. So macht der Messbesuch erst Freude, es sagen Dank die Bautzner Leute!“

Die Geschichte der Jugendherberge Leipzig am Zöllnerweg

In der Zeit des Nationalsozialismus waren Jugendherbergen als solches nicht gerne gesehen. So ist In den Chroniken Leipzig‘s alter Häuser zu lesen:
„Die Stadt Leipzig baute 1939 den Zöllnerweg 6 als Kinderheim. Das schlichte, schiefergedeckte Gebäude liegt abseits hinter dem Mückenschlösschen im Rosental und war und ist das einzige Gebäude im Zöllnerweg. Im Leipziger Adressbuch von 1939 ist es verschleiernd als Jugendherberge angegeben, im gleichen Jahr ist Fritz Zeidler in verschiedenen Verzeichnissen einmal als Herbergswart und einmal als Heimwart des Zöllnerweg 6 geführt. …“

Quelle: (http://waldstrassenviertel.de/haeuser-geschichten-ehemaliges-kinderheim/)

Aber: „Das Haus wurde von vornherein als Jugendherberge von der Stadt Leipzig gebaut und hat vom ersten Tag an (1939) als solche gedient“, merkt Eckhard Zeidler an. " Erst nach 1945 wurde es zum Kinderheim umfunktioniert."
 

Auszug aus Zeitungsbericht von 1940

Bis heute sind Jugendherbergen etwas ganz besonderes für Eckhard Zeidler und seine Familie. Jährlich trifft er sich mit seinen Kindern und Enkelkinder zu Familientreffen, abwechselnd in verschiedenen Jugendherbergen in ganz Deutschland. Über seine Erfahrungen, Eindrücke und was ihm am besten an den Jugendherbergen gefällt,  berichtet er: „Die Jugendherberge Augustusburg in Sachsen hat die schönsten Zimmer und in Hamburg in der Jugendherberge gab es das beste Buffet“ und schmunzelt.

„Und was ist Ihr nächstes Reiseziel?“

„Erst einmal reise ich mit meiner Frau nach Usbekistan, ein sehr interessantes Land. Danach folgen im Sommer noch acht Wochen Campingurlaub in Mecklenburg-Vorpommern an der Seenplatte.“, freut sich der reiselustige Rentner und fügt scherzend hinzu: Sie wissen ja, Rentner haben niemals Zeit“

Wir sind jedenfalls sehr dankbar für seine Zeit und wünschen ihm alles Gute und noch viele schöne Momente auf Reisen und in den Jugendherbergen.